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Coating (Beschichtungen) für Zellkultur-Plastik

Als Coating oder Beschichtung von Zellkulturplastik bezeichnet man alle Oberflächenmodifikationen zur Adhäsion, die über die Corona- oder Plasmabehandlung beim Hersteller hinausgehen. Beide Begriffe werden synonym benutzt.

 

Typen von Beschichtungen in der Zellkultur

Wie hier beschrieben, besteht praktisch jedes Zellkultur-Plastik aus Polystyrol und wird vom jeweiligen Hersteller zur Verbesserung der Zellanheftung oberflächenbehandelt. Trotz allem ist diese Oberfläche jedoch keine annähernd natürliche Oberfläche wie Zellen sie im Gewebe vorfinden können. D.h. die Komplexität des Zellkulturmodells in Bezug auf die Adhäsionsoberfläche kann von einfach bis histotypisch (gewebeähnlich) reichen:

  • Unbehandeltes Polystyrol (Bakterienschalen), hydrophob und nur für wenige Zelltypen anwendbar (z. B. Schilddrüsenzellen, Keratinozyten)
  • Oberflächenbehandeltes Polystyrol (normales Zellkulturplastik), polar und/oder geladen je nach Hersteller
  • Einfache, künstliche, kostengünstige Beschichtung
        x  Poly-L-Lysin, Poly-D-Lysin
        x  Poly-Ornithin
  • Einfache, kostengünstige, unspezifisch proteinäre Beschichtung
        x  Gelatine
  • Spezifische extrazelluläre Matrixbeschichtung mit einem Protein (teurer, meist Isolate aus tierischem Gewebe)
        x  Kollagen I, IV
        x  Fibronektin
        x  Laminin
        x  Vitronektin
        x  Osteopontin
  • Spezifische Teilsequenzen extrazellulärer Matrixproteine (teilweise noch teurer, teilweise GMP-konform, da synthetisch hergestellt)
        x  RGD-Motive
        x  Fibronektin-Domänen
  • Spezifische, komplexe Matrixbeschichtung
         x  Matrigel (mehrere Komponenten der extrazellulären Matrix mit gebundenen Wachstumsfaktoren etc.)
  • 3D-Modelle, in denen die Zellen in eine Matrix oder ein Gel eingebettet sind, u. a.
        x  Kollagengele
        x  Matrigele
        x  Alginatgele
        x  Lactatgele

Strukturformel von Poly-L-Lysin (PLL)

 

 

Fibronektin Struktur

 

Warum verwendet man Coatings?

Beschichtungen sind aufwendiger und teurer als die Kultur in normalen Zellkulturgefäßen. Für die meisten Grundlagenexperimente mit Zelllinien ist eine künstliche Oberfläche ausreichend, jedoch gibt es verschiedene Gründe, aus denen man auf aufwendigere beschichtete oder gecoatete Oberflächen wechselt:

  • Ohne Beschichtung haften die Zellen nicht oder sehr schlecht (Primäre Neurone, Oligodendrozyten, Hepatozyten)
  • Die Beschichtung verhindert das Abwaschen der Zellen im Assay (HEK293, OLN93, HepG2)
  • Die Beschichtung trägt zur Differenzierung der Zellen bei (Neurone, Glia, Keratinozyten, Hepatozyten)
  • Ohne Beschichtung werden die Zellen seneszent oder dedifferenzieren (MSC, Hepatozyten)
  • Die Zellen bilden auf der Beschichtung eine komplexere Morphologie (Glia, Neuronen, Hepatozyten, HepG2, Keratinozyten)
  • Die Zellen polarisieren nur auf der Beschichtung (Schilddrüsenzellen, Hepatozyten, Keratinozyten)
  • Es wird mit serumfreien Medien gearbeitet und die Zellen können ohne Beschichtung nicht überleben, proliferieren oder adhärieren (s.u.) (MSC, Stammzellen)
  • Die Fragestellung ist sehr spezifisch und kann nur in einem echten 3D-Modell beantwortet werden (Hautmodelle, Sphäroide, Angiogenese, Knochen, Knorpel)

Viele adhärente und insbesondere anspruchsvolle Primärzellen können auf einer geeigneten beschichteten Oberfläche besser anhaften oder wachsen als auf einer unbeschichteten Oberfläche. D.h. der Experimentator entscheidet je nach Fragestellung und Notwendigkeit. Für anspruchslose Zelllinien besteht nicht die Notwendigkeit zur Beschichtung, daher nutzt man ungecoatetes Plastik. Bei anspruchsvolleren Linien und speziell Primärzellen dagegen ist eine Beschichtung für die normale Zellkultur oft hilfreich und manchmal sogar unabdingbar. Je "näher" außerdem die Umgebung der Zellen an der natürlichen Gewebesituation ist, umso übertragbarer sind dann natürlich auch die Ergebnisse.

 

Anwendungsbeispiele für Beschichtungen

Serumfreie oder xenofreie Zellkultur von MSCs (mesenchymalen Stammzellen)

In der nachfolgenden Abbildung von denovoMATRIX sieht man, wie für die Kultur von mesenchymalen Stammzellen (MSC) mit dem Wechsel von einem FCS- oder serumhaltigen Medium zu einem serumfreien oder xenofreien Medium die Notwendigkeit eines Coatings entsteht. Die anspruchsvollen MSC können nicht an normales Zellkulturplastik anheften, wenn ihnen Serumproteine fehlen, die dies ermöglichen. Dann muss man beschichten, spezielles Medium oder Plastik verwenden.

Mesenchymale Stammzellen auf denovoMATRIX in verschiedenen Medien

© denovoMATRIX modified by InCelligence

Kultur von humanen Fibroblasten auf verschiedenen Oberflächen mit FCS-haltigem Medium

Die nachfolgende Grafik zeigt, dass unter normalen Kulturbedingungen, also mit FCS im Medium, humane Fibroblasten mit normalen Oberflächen von ungecoatet über PLL-gecoatet bis hin zu Fibronektin-beschichtet sehr gut klarkommen. Nur auf nicht behandeltem Plastik (ähnlich Bakterienschalen) zeigt sich der Effekt der Coatings. Für diese primären Zellen wäre also für die normale Kultur kein Coating nötig.

Humane Fibroblasten auf verschiedenen Zellkultur-Oberflächen

© InCelligence aus Kurs Bioassays

PLL-Beschichtung von 96-well Platten als Schutz vor HEK 293 Zellverlust im Bioassay

In aufwendigen Bioassays mit vielen Waschschritten kommt es oft vor, dass Teile der Zellen oder fast alle Zellen im Verlauf einer Färbung oder eines ELISA abgewaschen werden. Dies erhöht die Standardabweichung erheblich oder führt sogar dazu, dass ein Assay gar nicht mehr auswertbar ist. Um dies zu vermeiden, kann man bei allen Zellen, vor allem aber bei schlecht haftenden wie HEK 293 oder OLN 93, die Oberflächen der Multiwellplatten mit z. B. PLL beschichten. Hierdurch lässt sich mindestens ein Großteil des Zellverlusts vermeiden; bei geeigneter Zellzahl und Technik kann das Abspülen der Zellen teilweise nahezu vollständig verhindert werden. In der nachfolgenden Abbildung sieht man den Effekt zahlreicher Waschschritte auf HEK-Zellen in einem Kristallviolett-Assay, bei dem identische Zellzahlen auf Platten mit und ohne PLL-Coating ausgesät wurden. Der protektive Effekt ist überall deutlich sichtbar an der intensiveren Farbe außer in der ersten Reihe (jeweils links). Die Bilder stammen aus einem Zellkultur-Consulting beim Kunden. Ähnliche Themen werden im Zellkultur Bioassay-Kurs behandelt.

HEK293-Zellen mit und ohne PLL-Coating auf Greiner Zellkultur-Plastik

© InCelligence aus Kurs Bioassays

Extrazelluläre Matrix als Richtungsweiser für die Differenzierung

Für bestimmte Zelltypen ist die extrazelluläre Matrix auch eine Orientierungshilfe in welcher Umgebung, wo im Gewebe oder neben welchen anderen Zelltypen sie sitzen. Diese Signale werden über die Integrinbindung in intrazelluläre Signale übersetzt und können dann die Proliferation, Migration oder die Differenzierung beeinflussen. In der nachfolgenden Abbildung sieht man gemischte Glia aus neonatalem Rattenhirn in einer GFAP-Färbung für Astrozyten auf drei verschiedenen Oberflächen.

Ratten-Astrozyten auf PLL, Fibronektin und Laminin

© InCelligence aus Zellkultur-Basis-Kurs

 

Marktübersicht Coatings und Zellkulturmatrices

Nachfolgend finden Sie eine aktualisierte Marktübersicht der aktuell verifizierbaren Beschichtungen und Zellkulturmatrices (Stand September 2026). Die Eigenschaften wurden für jede Zeile erneut anhand aktueller Hersteller- und Primärinformationen geprüft. Ein ▪ kennzeichnet eine für das jeweilige Material oder Produkt belegte bzw. typische Eigenschaft; ein leeres Feld bedeutet, dass die Eigenschaft nicht allgemein zutrifft oder für die konkrete Produktfamilie nicht ausreichend belegt ist.

Produkt / Matrix

Ease of use (protocol free)

Adhesion Ligand

Oligo-saccharide

Degradable

Cell recovery/ Trypsination

Chemical reaction free

Growth Factor storage/
release

Chemically-defined

Microscopy compatible

Suitable for Stem cell culture

Suitable for Cancer cell culture

Suitable for Primary cell culture

Suitable for screening

Material / Einordnung

Fibronectin

       

ECM-Protein; klassische adhäsionsfördernde Beschichtung

Vitronectin

       

ECM-Protein; häufig für Stamm- und Vorläuferzellen eingesetzt

Osteopontin

         

ECM-/Adhäsionsprotein; Einsatz stark zelltypabhängig

Kollagen (I, IV etc.)

       

ECM-Protein; Typ I und IV mit unterschiedlichen biologischen Eigenschaften

Gelatine

         

Denaturiertes Kollagen; kostengünstiges adhäsionsförderndes Substrat

Laminin

       

ECM-Protein; Wirkung und Eignung hängen von der Laminin-Isoform ab

BioLamina, Biolaminin® (rekombinante humane Laminine)

     

Vollständige rekombinante humane Laminine; chemisch definiert und tierursprungsfrei

Bio-Techne / R&D Systems, Cultrex® BME / UltiMatrix®

 

Basement-Membrane-Extrakt; komplexe, biologisch abgeleitete Matrix, je nach Variante für Stammzellen, Organoide und 3D-Kultur

Corning, Matrigel® Matrix

 

Basement-Membrane-Matrix aus EHS-Maus-Tumor; komplexe biologisch abgeleitete Matrix

Corning, Synthemax® II-SC Substrate

     

Synthetisches, xeno-freies vitronectinbasiertes Peptid-Polymer mit RGD-Motiv; selbstbeschichtend

Corning, Osteo Assay Surface

           

Sterile synthetische mikrokristalline Calciumphosphat-Oberfläche für Osteoklasten-/Osteoblasten-Assays

Corning, Ultra-Low Attachment Surface

         

Kovalent gebundene hydrophile, neutral geladene Hydrogeloberfläche; verhindert Zelladhäsion und fördert Sphäroidbildung

Cellendes, 3-D Life Hydrogel System

       

Modulares Dextran-/PVA-Hydrogelsystem; Adhäsion, Hyaluronatanteil und Abbaubarkeit hängen von der gewählten Formulierung ab

Matrixome, iMatrix-511 / Laminin-E8-Produkte

     

Rekombinante humane Laminin-E8-Fragmente; iMatrix-511 enthält Laminin-511-E8

TheWell Bioscience, VitroGel® 3D / Hydrogel Matrix

       

Synthetisches, chemisch definiertes und transparentes Hydrogel; Varianten mit Adhäsionspeptiden verfügbar; nichtenzymatische Zellgewinnung möglich

Thermo Fisher Scientific (Gibco), CTS™ CELLstart™ Substrate

       

Vollständig definiertes, xeno-freies Substrat aus human-abgeleiteten Komponenten für humane Stammzellen

Thermo Fisher Scientific (Gibco), Geltrex™ Flex Matrix

 

Basement-Membrane-Matrix; aktuelle Flex-Generation mit Varianten für allgemeine Zellkultur, hESC/iPSC und Organoide

denovoMATRIX, screenMATRIX

 

Screening-Platte mit definierten Kombinationen aus Glykosaminoglykanen und adhäsiven Peptiden; dient zur systematischen Auswahl geeigneter Matrixbedingungen

3D-Kultursysteme und Scaffolds

Die folgenden Produkte sind keine klassischen Coatings oder gelartigen Zellkulturmatrices, sondern eigenständige 3D-Kultursysteme oder feste Scaffolds. Sie werden deshalb getrennt von der Marktübersicht oben aufgeführt.

Produkt / System

Prinzip / Material

Typische Anwendungen

Zellgewinnung / Analyse

Status / Einordnung

REPROCELL, Alvetex® Scaffold

Poröses, ca. 200 µm dickes Polystyrol-Scaffold für dreidimensionales Zellwachstum

Primärzellen, Stammzellen, Tumorzellen, Gewebemodelle, Co-Kultur und Air-Liquid-Interface-Anwendungen

Endpunktanalyse direkt im Scaffold oder zelltypspezifische enzymatische/mechanische Gewinnung; optische Analyse ist möglich, aber stärker vom Scaffold und Assay abhängig als bei dünnen 2D-Coatings.

Aktuelles 3D-Zellkultursystem von REPROCELL

Thermo Fisher Scientific, AlgiMatrix™ 3D Cell Culture System

Poröses, alginatbasiertes 3D-Scaffold; chemisch definiert und tierursprungsfrei

3D-Zellaggregate und Sphäroide; Formate für 6-, 24- und 96-Well-Platten

Nichtenzymatische Zellgewinnung ist vorgesehen; der Hersteller beschreibt eine gute Zellvisualisierung.

Aktuell dokumentiertes 3D-Scaffold-System

InSphero, GravityPLUS™ / GravityTRAP™

Scaffold-freies Hanging-Drop-System zur Bildung definierter 3D-Mikrogewebe; anschließende Kultur und Analyse in GravityTRAP-Platten

Zelllinien, Primär- und Stammzellen, Wirkstofftests, 3D-Mikrogewebe sowie High-Content-/Screening-Anwendungen

Mikrogewebe können in GravityTRAP übertragen, länger kultiviert und mikroskopisch bzw. assaybasiert analysiert werden.

Historisch etabliertes InSphero-System; die aktuelle Vermarktung unter dieser Produktbezeichnung war im September 2026 auf den aktuellen InSphero-Produktseiten nicht eindeutig verifizierbar.

Historische oder unter früherer Bezeichnung geführte Produkte

Die folgende Tabelle erhält frühere Produkt- und Herstellerbezeichnungen aus der bisherigen Marktübersicht. Dazu gehören eingestellte Produkte, Produkte, deren aktuelle Verfügbarkeit unter der damaligen Bezeichnung nicht mehr eindeutig verifiziert werden konnte, sowie frühere Bezeichnungen bei Hersteller- oder Produktwechseln. Die Einträge bleiben zur historischen Einordnung erhalten.

 

 

Ease of use (protocol free)

Adhesion Ligand

Oligo-saccharide

Degradable

Cell recovery/ Trypsination

Chemical reaction free

Growth Factor storage/
release

Chemically-defined

Microscopy compatible

Suitable for Stem cell culture

Suitable for Cancer cell culture

Suitable for Primary cell culture

Suitable for screening

 

3D MATRIX, puramatrix

               

Peptide nanofiber hydrogel

Pbiogelx, biogelx powder

               

Peptide nanofiber hydrogel

ESI-BIO, Hystem

           

Hyaluronate, collagen, Polyethylene glycol

Trevigen, cultrex

           

EHS tumor extract

East River BioSolutions, TissueSpec

           

Tissue-specific extracts

Ectica, 3DProSeed

               

Polymer

Corning, Synthemax

     

Vitronectin-derived peptide

Corning, Synthemax II

                 

Plastic microbeads coated with synthemax

BRTI Life Sciences, Cell-Mate3D

           

Hyaluronate -Chitosan hydrogel

Pepgel, PGmatrix

               

Peptide hydrogel

Novamatrix, Novatach

             

RGD coupled alginate

Orla, OrlaExplorer-ECM

       

32 recombinant ECM proteins 

Amsbio, mimetix

               

PLLA electrospun fibres

Amsbio, iMatrix

       

E8 Fragment from laminin

Amsbio, MAPTrix

       

Recombinant chimeric ECM proteins

Amsbio, Alvetex

                   

Porous Polystyrene sheet

Noviocell, PIC hydrogel

               

Thermoreversible polyisocyanopeptide hydrogel

Organogenix, NanoCulture Plate

                 

Low adhesion patterned plates

Primorigen biosciences, StemAdhere

           

Recombinant protein, human origin

Thermo Fisher Scientific, Geltrex

         

EHS tumor extract

Lonza, RAFT

               

Collagen, RAFT (Real Architecture For 3D Tissue)

Global Cell Solutions, GEM

             

Alginate microcarrier ferromagnetic beads

denovoMATRIX, screenMATRIX

 

Glycosaminoglycan PEG-Peptide biomatrix

Autorin: Dr. Nicole Kühl | Fachlich geprüft: Dr. Nicole Kühl | Zuletzt aktualisiert: 14.09.2026

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